WIRTSCHAFT I Im Rückspiegel: Auto Motor Show in Beijing

Schon am ersten Tag der Auto Motor Show in Beijing erfolgte der Höhepunkt dieser Automesse. In Halle W 2 trat ein schlanker Mann in Jeans und grünem Poloshirt bei einer Pressekonferenz auf. Sein Name: Lei Jun, Chef von Xiaomi. Er wurde dabei von den chinesischen Journalisten – sie ticken anders als ihre neutralen westlichen Kollegen – umjubelt. Wie Groupies hätten sie sich benommen, schreibt Simon Hage, Autoexperte bei Der Spiegel, und zog Parallelen zu den einstigen Auftritten von Apple-Chef Steve Jobs. Lei verkauft wie Apple zwar auch Handys, doch inzwischen auch Autos. Und sein erstes Modell stand neben ihm auf der Bühne – das Modell SU 7. Gut, er ähnelt dem Porsche Taycan. Der Journalist Thomas Geiger spricht in Auto Bild von einer „atemberaubenden Sportlimousine im Stile des Porsche Taycan, die aus dem Stand weg mindestens ebenbürtig erscheint.“Und die Süddeutsche Zeitung urteilt: „Insgesamt kann der Wagen vieles mindestens genauso gut wie die deutsche Konkurrenz, manches sogar besser – für einen deutlich niedrigeren Preis.“ In China kostet der SU 7 etwas mehr als 30 000 Dollar. Im Ausland wird er teurer sein, aber Lei Jun will trotzdem den globalen Markt erobern: „Wir wollen in 15 bis 20 Jahren harter Arbeit zu einem der Top fünf Autohersteller der Welt aufsteigen“, verkündete er in Beijing. Xiaomi hat mit seinem Auftritt „allen anderen die Show gestohlen“, schreibt Henrik Bork in Automobilindustrie. Am Stand von Xiaomi hätte ein Gedränge geherrscht wir zur Rush Hour in der Metro in Beijing. Bis zu zwei Stunden mussten Besucher warten, bis sie schließlich einen Blick auf das Xiaomi-Modell SU 7 werfen konnten.

Die Auto Motor Show, die vom 29. April bis 4. Mai stattgefunden hat, ist inzwischen wohl die wichtigste Automesse der Welt. Weder die Messen in Genf, München, Detroit oder Tokio können da noch mithalten. Henrik Bork: „Wie in einem Brennglas bündeln sich auf der Beijing Autoshow alle aktuellen Trends der Automobilindustrie. Die Zukunft des Autos ist elektrisch, intelligent und vernetzt.“ Weil das so ist, waren diesmal auch die ausländischen Hersteller wieder stärker vertreten, nachdem sie bei der letzten Motor Show in Shanghai (die Messe findet abwechselnd in Beijing und Shanghai statt) durch Abwesenheit oder spärliche Besetzung glänzten. Nein, diesmal entsandten die ausländischen Hersteller viele ihrer Mitarbeiter nach Beijing, manche traten gar mit dem gesamten Vorstand auf. Auch die deutschen Autobauer waren prominent vertreten. Die Chefs waren da und sagten so schöne Sätze wie VW-Chef Oliver Blume: „This market has become something of a fitness center for us. We have to work harder and faster to keep up.“ Oder Daimler-Boss Ola Källenius: “China Speed is Schwaben-Speed.” Ob die Stuttgarter Autobauer allerdings bei der Entwicklung von E-Autos schon die Geschwindigkeit der Chinesen haben, darf bezweifelt werden. Mercedes präsentierte zwar seine erste vollelektrische G-Klasse in Beijing und auch einen ersten Elektro-Maybach.  Mercedes, BMW, Audi & Co. hätten sich – so Thomas Geiger – „aufgerappelt und endlich mal wieder ein paar sehenswerte Schaustücke nach China mitgebracht“. Mehr aber auch nicht.

Im großen Einstiegssegment bei E-Autos haben die Deutschen nichts zu bieten. Dieser Markt wird von den Chinesen – allen voran BYD – beherrscht. Immerhin versucht Volkswagen Versäumtes nachzuholen. In Beijing stellten die Wolfsburger ihre neue jugendliche Submarke ID.UX vor und kündigten bis 2030 nicht weniger als 16 neue E-Modelle an. Hilfreich ist dabei die Zusammenarbeit mit Xpeng. Firmenchef He Xiaopeng wurde denn auch bei der Volkswagen Night von VW-China-Chef Ralf Brandstätter als „guter Freund“ herzlich begrüßt.

Kooperationen mit chinesischen Unternehmen – auch aus der Tech-Szene – waren auch ein auffallendes Zeichen der Messe. So präsentierten die japanischen Autokonzerne Nissan und Toyota ihre Zusammenarbeit mit den Internet-Giganten Baidu und Tencent. Die ausländischen Hersteller brauchen das Know-how der Chinesen vor allem bei der intelligenten Vernetzung des Autos. In China wird das Auto zunehmend als „dritter Raum“ neben Büro und Wohnung gesehen. Ken Moritsugu (AP) schreibt: „Chinese automakers redefine the car as a living space.”

Der SU7 von Xiaomi ist da schon auf der Höhe der Zeit. Er ist mit den Haushaltsgeräten seines Besitzers vernetzt. Wer will, kann schon während der Fahrt die Waschmaschine oder den Saugroboter starten.

Info:

Interview mit Lei Jun: https://www.kr-europe.com/xiaomi-ceo-lei-jun-expresses-unwavering-confidence-in-victory-at-su7-launch

Video von der BYD-Präsentation: https://www.youtube.com/watch?v=mo0Gn6eutPA

BMW: https://www.youtube.com/watch?v=y5q3osGOpAM

Porsche: https://www.youtube.com/watch?v=E7naZ3Ry4aM

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