HU IS HU? Yan Lianke, chinesischer Schriftsteller – zensiert, aber nicht frustriert

In meiner kurzen Buchkritik seines soeben ins Deutsche übersetzten Werkes „Der Tag, an dem die Sonne starb“ nannte ich Yan Lianke “einen der umstrittensten chinesischen Schriftsteller“ (CHINAHIRN 83). Kurze Zeit später las ich, dass er diese Bezeichnung nicht mag: „Whenever I travel abroad, I am invariably introduced as China’s most controversial and most censored author. I neither agree nor disagree with this characterization—I’m not bothered by it, but neither do I feel particularly honored by it.” Das schreibt er in seinem neuesten Buch “Sound and Silence: My Experience with China and Literature” (Duke University Press).

Gerade ist Yan Lianke auf Deutschland-Tournee. Am 13. Mai gastierte er im NIO-House in Berlin. Zur Einführung stellte ihn FU-Professor Andreas Guder vor. Und was sagte er? „Yan Lianke ist einer der umstrittensten Autoren Chinas.“ Yan Lianke lässt an diesem Nachmittag diese Bezeichnung widerspruchslos im Raum stehen. Er will über sein Buch reden – und auch ein Stück weit über sich selbst. Yan Lianke stammt aus der Provinz Henan und ist stolz darauf: „Es ist eine große Ehre in Henan geboren zu sein.“ Seine bäuerliche Herkunft betont er an diesem Nachmittag immer wieder, bei der Lesung spricht er sogar in seinem Henan-Dialekt.  Henan ist für ihn der Mittelpunkt, den er so definiert: „Henan liegt in der Mitte Chinas, was ja das Reich der Mitte ist.“ Ein-, zweimal im Jahr reist Yan Lianke, der in Beijing lebt und dort an der Renmin Universität Literatur lehrt, in seine dörfliche Heimat. Von dort bezieht er auch einen Teil seiner Inspirationen: „Sein Sujet sind abgeschiedene Dörfer“, sagt Andreas Guder bei der Vorstellung. In Yans Werken mischen sich groteske Elemente mit Satire und Sarkasmus. Yan Lianke, der einst an der Kunsthochschule der Volksbefreiungsarmee studierte (ja, so etwas gibt es), pflegt eine kafkaeske Sprache.

Über 20 Romane hat Yan in diesem Duktus veröffentlicht. Sie wurden in 20 Sprachen übersetzt, fünf Romane auch ins Deutsche. Zwei seiner bedeutendsten Werke kamen freilich in der Volksrepublik auf den Index. So zum Beispiel „Die vier Bücher“, „Dem Volke dienen“ und „Der Traum meines Großvaters“, der den Aids-Skandal in Henan zum Thema hat (all diese Bücher gibt es auch auf Deutsch).

In Berlin zeigt er sich darüber wenig erbost: „Ob Bücher auf dem Index stehen, ist für mich nicht so wichtig.“ Und dann sagt er etwas sehr Ungewöhnliches für einen Schriftsteller: „Ich schreibe weder für den chinesischen Leser noch für ein internationales Publikum. Ich schreibe immer für meine innere Seele.“ Deshalb – so seine Argumentation – sei er der freieste Autor in China.

Aber dann fügt er noch spitzfindig hinzu: „Die in der Volksrepublik erschienenen Bücher sind ja in Taiwan erlaubt. Und Taiwan ist ja Teil von China, also bin ich damit auch in China erschienen.“

Auf jeden Fall wird er weiterschrieben. Er wird weiterhin jeden Morgen nach einer Tasse Kaffee gegen 7 Uhr mit dem Schreiben anfangen und versuchen, sein Tagespensum von 2000 Zeichen zu absolvieren. Er sagt: „Ich habe noch so viele Geschichten im Kopf. Ich fürchte vorher zu sterben, bevor ich alle aufgeschrieben habe.“

Info:

Hier ein Kapitel aus seinem neuesten Buch“Sound and Silence: My Experience with China and Literature

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