Man gewöhnt sich langsam an die ständigen Hiobsbotschaften der deutschen Autobauer, und ebenso an die Erklärungen dafür: „Ein zentraler Grund für die negative Entwicklung ist die anhaltende Schwäche auf dem chinesischen Markt.“ Oder: „Verantwortlich dafür sind die ungünstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in China.“ Oder: „Außerdem wirke sich die weiterhin gedämpfte Nachfrage in China belastend aus.“
Derlei Begründungen passen gut ins Bild vom Niedergang der chinesischen Wirtschaft. Deswegen leiden deutsche Firmen mit. (Andererseits: Bedeutet weniger China-Geschäft nicht weniger „Abhängigkeit“ von China? Ist doch politisch gewollt, oder? China hat es nicht einfach: Es ist immer entweder zu viel oder zu wenig.)
Eine korrekte Beschreibung der Situation auf dem chinesischen Automarkt würde heißen: die massiv gedämpfte Nachfrage in China nach Verbrenner-Autos belastet (auch) die deutschen Hersteller. Denn der gesamte Markt ist in einer besseren Verfassung als die Märkte in den USA und Europa.
Die September PKW-Absatzstatistik (乘用车) wurde am 12. Oktober veröffentlicht. Danach wurden in China 2,1 Millionen PKWs verkauft. Das ist ein Plus von 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr und von 10,6 Prozent gegenüber dem Vormonat. Der Monatsvergleich ist immer eine Momentaufnahme. Der September ist traditionell ein starker Monat für Autoverkäufe in China. Während China wächst, schrumpfen die anderen großen Märkte: Der US-Markt lag im September mit 1,2 Millionen verkauften Einheiten 12 Prozent unter dem Vorjahr. Die EU verzeichnete einen drastischen Rückgang von minus 18 Prozent bei Neuzulassungen im August gegenüber dem Vergleichsmonat. Deutschland bildete mit minus 27,8% die negative Spitze.
S&P Global Mobility schätzt den gesamten PKW-Absatz im US-Markt neuerdings auf 16 Millionen Einheiten fürs laufende Jahr. Das wäre ein Wachstum von rund zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die gleiche Jahresprognose in China lag nach Angaben der China Association of Automobile Manufacturers (乘联会) zuletzt bei mehr als 22 Millionen. Das wäre ein Plus von 3 Prozent zum Vorjahr.
Sind drei Prozent wirklich besser als zwei Prozent?
Zunächst einmal: Wenn der größte Einzelmarkt schneller wächst als der Verfolger, vergrößert sich der bereits beachtliche Abstand zwischen den beiden noch mehr. Im fossilen Zeitalter der Mobilität wäre diese Entwicklung tatsächlich ein großes Problem geworden, und zwar im Hinblick auf die weltweiten CO2-Emissionen und das Klima. Zu Recht. Und die Chinesen hätten ihrerseits, wohl auch zurecht, zurückgefragt: Warum dürfen wir nicht pro Kopf mindestens halb so viel fahren wie die Amerikaner?
Heute kann man sagen, dieser zu nichts führende Schlagabtausch dürfte der Welt erspart bleiben, weil China einen neuen Weg gegangen ist. Mehr noch: Das auf den ersten Blick moderat erscheinende Plus von drei Prozent verdeckt die großen Verschiebungen der Kräfte auf dem Markt. 53 Prozent des September-Absatzes fielen auf Elektrofahrzeuge (EVs). Es war bereits der dritte Monat in Folge, in dem die EVs die Mehrheit der verkauften Neuwagen in China ausmachten. Das EV-Momentum bleibt also stark und intakt, obwohl die staatlichen Kaufanreize vielerorts spürbar zurückgefahren wurden.
Die großen Verlierer in China sind dagegen die Verbrenner-Autos. Im September verbuchten sie abermals 22 Prozent weniger Absatz als ein Jahr zuvor. Marktgerüchten zufolge planen die Autobauer FAW und SAIC, langjährige und erfolgreiche VW-Partner, Massenentlassungen und Werksschließungen. Das kommt uns in Deutschland bekannt vor.
Eine schmerzfreie Transformation gibt es nirgends. Aber Wachstum trotz oder wegen der grünen Transformation: Es ist – siehe China – möglich.
Eine Randnotiz noch: Es gab auch schlechte Nachricht für die selbstbewussten EV-Hersteller aus China. Xiaomi-Chef und -Großaktionär Lei Jun war gerade in Deutschland. Sein Ziel: Den Streckenrekord auf der (auch in China berühmten) Nordschleife des Nürburgrings mit dem Xiaomi SU7 Ultra (über 1500 PS, Motoren aus Eigenentwicklung) zu brechen. Dafür hatte Xiaomi eigens zwei volle Tage gebucht, mit allem Drum und Dran. Was nicht planbar war, war das Wetter. Dauerregen in der Eifel durchkreuzte den Plan komplett. „Sehr bedauerlich“, schrieb Lei Jun persönlich auf Weibo mit drei weinenden Emojis. Bei allen Sorgen um chinesische Einflüsse in Deutschland, auf die Standfestigkeit des deutschen Wetters ist immer Verlass.
*Hier erfahren Sie mehr, warum die Kolumne Wan Hua Zhen heißt und wer der Autor ist: https://www.chinahirn.de/2024/07/08/was-bedeutet-wan-hua-zhen-der-kolumnist-erklaert-und-stellt-sich-vor/