HU IS HU I Chuangfu und Stella Li – das Paar hinter BYD

Elon Musk und Tesla sind inzwischen weltberühmt. Über Musk wurden bereits mehrere Biographien geschrieben, zuletzt ein voluminöses Werk von Walter Isaacson. Aber wer ist Wang Chuanfu (58), der Herausforderer von Musk – oder muss man schon sagen der Sieger über Musk? Über Wang Chuanfu gibt es keine Bücher. Er ist kein Selbstdarsteller. Er ist der Mann im Hintergrund, aus dem er sein Unternehmen BYD zum weltgrößten Elektroautohersteller machte. Wer ist dieser Wang Chuanfu, der gerade eine stolze Bilanz für 2024 verkündete. Und wer ist Stella Li (54), mit der er – das ist ein offenes Geheimnis im Unternehmen – liiert ist, und die als globale Vertriebschefin ebenfalls eine ganz wichtige Person im Unternehmen ist? Das Paar legte eine der erstaunlichsten Tellerwäscherkarriere hin, die selbst im Aufsteigerland China seinesgleichen sucht.

Wang wuchs in Wuwei in der damals eher ärmlichen Provinz Anhui auf. Er hatte sechs Geschwister. Der Vater war Maler. Er starb, als Wang 13 war. Die Mutter verlor er, als er mit der Schule fertig war. Mit der finanziellen Hilfe seines älteren Bruders schaffte er es zu einem Chemiestudium an der Central South University of Technology in Henan. Danach wechselte er nach Beijing, wo er eine Stelle beim General Research Institute on Nonferrous Metals annahm. Das Institut beschäftigte sich unter anderem mit Batterien. Als es ein Joint-Venture zur Produktion von Batterien in Shenzhen installierte, wurde Wang als General Manager hingeschickt. Die Partner zerstritten sich aber, Wang stieg aus und gründete 1995 gründete zusammen mit seinem Cousin Lu Xiangyang, der ihm einen Kredit über 250 000 Yuan gab, seine eigene Batteriefirma namens BYD. Der Namen war ein zufälliges Konstrukt von drei chinesischen Schriftzeichen. Bi (比), wei (…) und di (迪). Erst später wurde aus dem Kürzel Build Your Dreams. Zu Beginn hatte Wang seine eigenen Träume. Er wollte so groß werden wie die damals führenden japanischen Batteriehersteller Panasonic oder Sanyo. Letzteres war sein großes Vorbild. Doch teure Maschinen zur Produktion von Batterien konnte er sich nicht leisten. Er setzte auf günstige Arbeitskraft, die damals in Shenzhen massenhaft vorhanden war. Und er setzte früh auf Lithium-Batterien. So konnte er Sanyo & Co. Paroli bieten, und so begann BYD günstige Batterien, vor allem für Handys, zu produzieren. Doch wie kommt man da als kleine unbekannte Firma aus China mit den Großen dieser Branche ins Geschäft? Wang schickte seine Mitarbeiter mit einem Koffer voller Batterien durch die Welt.

Und damit kommt Stella Li ins Spiel. Sie war eine der ersten dieser Kofferträger. Sie hatte Mitte der 90er Jahre ihr Studium an der Fudan Universität in Shanghai beendet und ihren ersten Job bei einer Werbeagentur angetreten, bei der BYD Kunde war. Sie beschreibt ihren ersten Besuch bei BYD so: „Das Büro war nur etwa 100 qm groß und erinnerte mich an ein Appartement mit zwei Schlafzimmern, indem die die meisten Angestellten in einer Art Wohnzimmer arbeiteten. Aber sehr sauber. Ich musste sogar meine Schuhe ausziehen.“ Dieser Besuch war im Frühjahr 1996. Im Herbst desselben Jahres fragte sie Wang, ob sie nicht bei ihm anfangen wolle. Sie baute ein Verkaufsteam und reiste selbst als Chefverkäuferin durch die Welt, besuchte Messen wie die CeBit und die IFA in Deutschland und klopfte oft unangemeldet bei potentiellen Kunden an. 1999 schickte sie Wang mit 30 000 Dollar und einem Container voller Batterien nach Amsterdam, um von dort aus das Europageschäft aufzubauen. Ein Jahr später schickte er sie – wieder mit 30 000 Dollar und einem Container – nach Chicago, um das US-Geschäft zu etablieren. Beides gelang. BYD gewann die – damals – großen Namen der Handybranche Nokia, Ericsson, Siemens und Motorola als Kunden. BYD spielte damit in der gleichen Liga wie Sanyo. 2002 ging das Unternehmen an die Börse.

Und 2003 hatte Wang Chuanfu eine verrückte Idee: Er wollte ins Autogeschäft einsteigen. Vom Autobau hatte er keine Ahnung. Stella Li sagt: „Herr Wang besaß kein Wissen über Motoren und kaufte sich ein großes Buch über Motorentechnologie, um alles zu lernen. Ein Jahr später war Herr Wang ein Experte für Motoren.“ Außerdem kaufte er rund 50 gebrauchte Autos aller großen Marken dieser Welt und baute sie auseinander, um das Innenleben eines Autos zu verstehen. Noch im selben Jahr 2003 erwarb er den lokalen Autobauer Qichuan Motors. Die bauten zwar keine guten Autos, hatten aber eine Lizenz zum Autobau. Und diese benötigte Wang, um seine Vision zu realisieren. Schon damals schwebte ihm der Bau von Elektroautos vor, und nicht nur Pkws, sondern die ganze Palette – von Limousinen über Busse bis Lkws. Diese Vision gefiel offenbar einem anderen, einem amerikanischen Visionär: Warren Buffett, der legendäre Investor mit Weitblick, stieg deshalb 2008 bei BYD ein. Für 225 Millionen Aktien zahlte er 230 Millionen Dollar, also etwas mehr als ein Dollar pro Aktie (der Kurs liegt aktuell bei 47 Dollar, also hatte Buffett mal wieder ein feines Näschen). Mit dem damaligen Engagement erwarb Buffett rund zehn Prozent von BYD. Er hätte gerne mehr gehabt, aber Wang stellte sich stur: BYD war sein Baby. Gleichwohl half ihm der Einstieg von Buffett. Er steigerte das Image von BYD.

Doch die ersten Autos – damals noch Verbrenner – waren keine Renner. Sie waren eine billige Kopie von Toyotas Corolla. Wang bewunderte – wie einst bei den Batterien Sanyo – auch beim Autobau die Japaner, allen voran Toyota. Wang pushte die Produktion, aber die Nachfrage blieb aus. Viele chinesischen Händler waren unzufrieden, kündigten Verträge. BYD erlebte um 2010 die erste große Krise. Doch just um dieses Jahr traf Chinas Regierung eine weitreichende Entscheidung für die Elektromobilität. Für BYD war es mit seinem vorhandenen Batterie-Know-How die Chance, in diesem Markt zu reüssieren. Und BYD nutzte diese Chance. Inzwischen ist BYD die Nummer Eins im größten Markt der Welt.

Doch nun steht die ganz große Bewährungsprobe an: Kann BYD den Erfolg in China weltweit wiederholen? Oder anders gefragt: Kann BYD ein globaler Konzern werden? Und damit kommt wieder Stella Li, die Kofferträgerin von früher, ins Spiel. Sie, die Englisch spricht, soll die Internationalisierung des Konzerns forcieren. Deshalb reist sie unermüdlich um die Welt. Man sollte diese Selfmade-Woman nicht unterschätzen. Sie kann einstecken und austeilen. Kein Wunder, denn im Fitnessstudio stemmt sie erst eine halbe Stunde Gewichte, danach steigt sie eine halbe Stunde in den Ring. Stella Li: „Ich liebe Boxen.“

Info:

Ein guter und ausführlicher Artikel über Wang Chuanfu schrieb Kevin Xu in Interconnect: https://interconnect.substack.com/p/wang-chuanfu-a-name-everyone-in-the

Hier ein Interview mit Stella Li in Speedheads: https://www.speedheads.de/auto-specials/byd-stella-li-interview-2024-0029293.html

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